Der König der Cocktails - Die Metamorphose des Martini Cocktails

Es gibt wohl keinen anderen Cocktail, als den Martini Cocktail, um den sich so viele Geschichten, so viele Mythen ranken, der es an Symbolkraft, Elegance und Kultiviertheit mit ihm aufnehmen kann und wohl keinen Cocktail der stets so mit Glamour behaftet war und der sich doch einer stetigen Wandlung seines eigenen Wesens unterwarf.

Befindet er sich heute oft im Stadium eines zur Farce mutierten Minimalismus, so begann seine außerordentliche Karriere in Form eines leuchtend roten und süßen Elixiers, dessen Zubereitung höchstes Geschick und deutlich mehr als nur Gin und Wermut erforderten. Der heute gern verschmähte Wermut war es, der den Grundstein für seinen Erfolg legte. Hatte Gin, bedingt durch den exzessiven Missbrauch im England des 18 Jh. einen stark negativ behafteten Ruf, so ebnete Wermut dem Gin den Weg in die feine Gesellschaft und der Martini Cocktail konnte sich zur Cocktail-Ikone erheben.

1851 kamen die ersten Wermut-Lieferungen nach Amerika, obwohl Martini & Rossi gern behaupten, man hätte schon 1834 geliefert. Wermut, Italien produzierte ursprünglich nur süße Varianten, Frankreich hingegen lieferte die trockenen Formen, war keineswegs ein sofortiger Erfolg und führte bis ca. 1880 ein eher armseliges Dasein. Erst als findige Bartender, dem etablierten Gin Cocktail Wermut zusetzten und ihn auf den Namen Martinez tauften, kam der Stein ins rollen. Wer der Schöpfer dessen ist, ist nicht überliefert, aber ein gewisser O.H. Byron war der erste, der den Drink 1884 als "same as Manhattan Cocktail, substitute Gin for Whiskey" beschrieb.

Vom Martinez Cocktail zum Martini Cocktail war es jetzt nur noch ein kleines Stück und 1888 erblickte er in Harry Johnsons "Bartenders Manual" das Licht der Welt. War dieser Martini Cocktail noch eine recht süße Komposition, so ist der in heutigen Bars als Martini Cocktail verstandene, das genaue Gegenteil und bei genauer Betrachtung ein simples Glas kalter Gin.

Hatte man in der Mitte des 19 Jh. eher den Hang zur Süße in Drinks, um die Schärfe der Spirituosen zu glätten, so gab es zum Ende des Jahrhunderts durch die Verbesserung der Destillations-Techniken einen Trend zu mehr "Dryness".

Man enthielt dem Martini Cocktail fortan den Zucker und kurze Zeit später ersetzte man den süßen Old Tom Gin, mit dem modernen Dry Gin, behielt aber den roten Wermut und Bitters bei. Schon zur Jahrhundertwende war er ein äußerst beliebter Drink und der Name wohl etabliert.

Die früheste Form eines Dry Martini Cocktail findet man allerdings unter anderem Namen. 1896 findet sich in "Stuarts Fancy Drinks" ein Marguerite Cocktail. Dieser verlangte nach 2/3 Plymouth Gin, 1/3 French Vermouth und Orange Bitters. Diese Wortschöpfung hatte es jedoch schwer sich zu etablieren und so lag es nahe, dass man einfach nach einem Dry Martini Cocktail verlangte - in Erwartung von trockenem Gin, trockenem Wermut und  Bitters. Der Terminus "Dry Martini Cocktail" und die heute selbstverständliche Olive erschienen erstmals 1904 in dem französischen  Buch "American Bar - Boissons Anglaise & Américaines" und demonstriert den Einfluss Europas auf die Cocktail-Entwicklung.

Durch die Prohibition ab 1919 hervorgerufene Verknappung der notwendigen Zutaten, gab man sich bald selbst hergestelltem „Bathtube Gin“ und imitierten Wermut hin. Cocktails und die Kunst sie zu fertigen gingen mehr und mehr verloren. Die Meister des Barhandwerks verschwanden hinter den Tresen und wurden nach Ende der Prohibition durch vielfach ungelernte, den Feinheiten der Profession in Unkenntnis stehenden, ersetzt. Dies ist nur allzu verständlich, hält man sich den plötzlichen Bedarf an Barmixern vor Augen,  in einem 13 Jahre lang in „Abstinenz“ verharrendem Land wie den USA. Der Fokus des Trinkenden lag nun nicht mehr auf meisterlich gemixten Cocktails, sondern in möglichst schnell erreichter Trunkenheit und so wurde der hochprozentige Gin gegen den alkohol-ärmeren Wermut ausgespielt und Wermut geriet dabei ins Hintertreffen. Orange Bitters hingegen waren ein fester Bestandteil im Martini Cocktail bis in die 40er Jahre und namhafte Gin-Produzenten führten ihn als Teil ihrer Produkt-Palette.

Hollywood griff die neue Trink-Freiheit in den 30er und 40iger Jahren in zahlreichen Filmen auf. "The Thin Man" oder "The Lost Weekend" in denen Cocktails und hauptsächlich Martinis eine zentrale Rolle spielten, geben ein eindrucksvolles Zeitzeugnis ab. Der Martini Cocktail wurde glorifiziert und seine schlichte Eleganz und Stärke wurde gern als Ausdruck der persönlichen genutzt. Prominente Trinker, wie Hemingway, Churchill oder Bogart, zuweilen durchaus hochgradige Alkoholiker, trugen ihr übriges dazu bei, den Keil immer tiefer zwischen Gin und Wermut zu treiben. Immer mehr taten es ihren Vorbildern gleich und reduzierten den Wermut auf ein Minimum. Dies endete in so obskuren Ritualen, wie der Blick nach Frankreich oder die Rotation der Vermouth-Flasche um den Gin. Der Begriff „Dry“ bekam eine neue Bedeutung und definierte nicht mehr die Wahl des Wermuts, sondern seinen Anteil im Cocktail.

Der größte Wandel in der Natur des Martini Cocktails vollzog sich Anfang der 50er Jahre als Smirnoff  mit massiver Werbestrategie begann den Gin durch Wodka zu ersetzen. Lange als kommunistisches Gut verteufelt, begann Wodka in Amerika Fuß zu fassen und als James Bond zu Beginn der 60er Jahre auf den Leinwänden der Welt "Vodka Martini, shaken not stirred" bestellte, war der Wodka-Triumph nicht mehr aufzuhalten. Der weitaus größere Teil der verkauften Dry Martini Cocktails sind heutzutage Vodka Martinis, aber eine Rückbesinnung findet zunehmend statt. Gin ist wieder populär und die auf Tradition bedachten Bars geben dem Vermouth verstärkt den Raum den er benötigt und den er verdient. Orange Bitters, lange nicht erhältlich, ist wieder verfügbar und gibt dem Martini Cocktail wieder die Raffinesse die Es scheint als sei die Metamorphose noch nicht beendet!

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